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Kräuter aus dem Mittelalter: Pflanzen, Quellen und Klostergärten

Kräuter und Heilkräuter-rosmarin-blueten

Was historische Quellen über Kräuterkunde und Klostergärten erzählen

Kräuter aus dem Mittelalter begegnen uns bis heute im Garten: Salbei, Fenchel, Minze, Wermut oder Liebstöckel gehören dazu. Dass sie damals angebaut oder beschrieben wurden, lässt sich an Texten und Gartenplänen nachvollziehen. Eine überlieferte Anwendung beweist jedoch noch keine heutige medizinische Wirksamkeit. Wer die alte Kräuterkunde verstehen möchte, sollte deshalb nach der Pflanze, der Quelle und dem damaligen Weltbild fragen.

Darin liegt keine Geringschätzung des überlieferten Wissens. Im Gegenteil: Die Vergangenheit wird interessanter, wenn sie in ihrer eigenen Gestalt sichtbar werden darf. Ein Gartengedicht ist etwas anderes als ein Rezeptbuch. Eine Pflanze mit religiöser Bedeutung muss nicht dieselbe Funktion gehabt haben wie ein Gewürz für die Küche. Und ein mittelalterlicher Name lässt sich nicht immer zweifelsfrei einer heutigen botanischen Art zuordnen.

Die Geschichte von Hildegard von Bingen zwischen Kosmos, Kirche und Heilkunst gehört in diesen Zusammenhang. Sie ist eine wichtige Stimme, aber weder die einzige noch der Anfang der gesamten europäischen Kräuterkunde.

Vier Quellen, die den Blick auf das Mittelalter schärfen

Die Bezeichnung „mittelalterlich“ umfasst viele Jahrhunderte, Regionen und Lebenswelten. Ein Klostergarten am Bodensee sah nicht zwangsläufig so aus wie ein städtischer Garten in Italien. Schon deshalb brauchen allgemeine Aussagen einen konkreten Anhaltspunkt.

Das Lorscher Arzneibuch

Das im späten 8. Jahrhundert entstandene Lorscher Arzneibuch versammelt unter anderem Rezeptsammlungen. Es bewahrt auch antikes Wissen, etwa aus der griechisch-römischen Medizin. Die Forschergruppe Klostermedizin zu den frühen Quellen zeigt, wie übernommene Texte, Heilmittel und christliche Vorstellungen zusammenfanden.

Eine solche Handschrift belegt zunächst, welche Rezepte jemand sammelte und für bewahrenswert hielt. Sie sagt nicht automatisch, dass alle Menschen diese Mittel benutzten oder jede darin beschriebene Anwendung erfolgreich war.

Der St. Galler Klosterplan

Der um 820 entstandene Klosterplan sieht unterschiedliche Gartenbereiche vor, darunter einen Heilkräutergarten. Salbei und Fenchel gehören zu den dort vorgesehenen Pflanzen. Der Plan ist eine bedeutende Quelle dafür, wie ein klösterlicher Lebens- und Versorgungsraum gedacht wurde. Er darf jedoch nicht wie das Inventar eines überall gleich ausgeführten Gartens gelesen werden. Die Geschichte des Klostergartens bei Klosterland erläutert diesen Zusammenhang.

Walahfrid Strabos „Hortulus“

Walahfrid Strabo, Abt auf der Reichenau im Bodensee, beschrieb im 9. Jahrhundert in seinem Gartengedicht Pflanzen, Gartenarbeit und überlieferte Anwendungen. Der „Hortulus“ ist ein literarisches Werk. Beobachtung, Heilwissen und dichterische Gestaltung gehen ineinander über. Gerade das unterscheidet ihn von einer modernen Pflanzenmonografie.

Die einzelnen Pflanzenkapitel machen den Text zu einer anschaulichen Quelle. Wer heute ein Beet nach diesem Vorbild anlegt, gestaltet allerdings eine historische Annäherung. Daraus entsteht weder eine vollständige Rekonstruktion aller mittelalterlichen Gärten noch eine Empfehlung zur Selbstbehandlung.

Hildegard von Bingens Naturkunde

Im 12. Jahrhundert beschrieb Hildegard Pflanzen innerhalb ihres umfassenden Verständnisses von Mensch und Schöpfung. Die mit ihrem Namen verbundene „Physica“ gehört zu den wichtigen naturkundlichen Überlieferungen. Ihre Vorstellungen sollten im Zusammenhang ihrer Zeit gelesen werden. Eine moderne Produktbezeichnung oder Werbeaussage wird nicht dadurch mittelalterlich, dass Hildegards Name danebensteht.

Sieben konkrete Pflanzen aus der historischen Überlieferung

Blühender Rosmarin als Gartenpflanze im Beitrag über Kräuter aus dem MittelalterDie folgende Auswahl orientiert sich vor allem an Pflanzen, die im „Hortulus“ genannt werden. Sie zeigt, wie eng Nutzgarten, Duft, Ernährung und damalige Heilkunde beieinanderlagen. Die historischen Verwendungszusammenhänge sind keine Dosierungs- oder Therapieempfehlungen. Eine pflanzenbezogene Einordnung bietet auch die Gliederung der wissenschaftlich bearbeiteten Hortulus-Ausgabe.

Pflanze Historischer Anhaltspunkt Worauf heute zu achten ist
Salbei Als „Salvia“ am Anfang der Pflanzenfolge des „Hortulus“. Historische Wertschätzung und heutige Anwendung eines bestimmten Präparats sind getrennt zu prüfen.
Fenchel Als „Foeniculum“ im Gartengedicht; auch im St. Galler Plan vorgesehen. Ein bekannter Pflanzenname ersetzt keine Prüfung von Pflanzenteil, Zubereitung und Anwendung.
Wermut Als „Absinthium“ im „Hortulus“ behandelt. Bitterkeit und überlieferte Heilanwendung sagen allein nichts über eine sichere Dosierung.
Liebstöckel Unter „Lybisticum“ in der Pflanzenfolge. Die Verwendung als Küchengewürz ist von einer gezielten medizinischen Anwendung zu unterscheiden.
Kerbel Als „Cerefolium“ genannt. Bei selbst gesammelten Pflanzen ist die sichere Bestimmung wesentlich.
Minze „Mentha“ erscheint im Text neben weiteren minzenartigen Pflanzen. Die historische Nennung darf nicht ohne Weiteres mit einer bestimmten heutigen Minzart gleichgesetzt werden.
Weinraute Als „Ruta“ Bestandteil der überlieferten Gartenpflanzen. Historische Bedeutung ist keine Einladung, alte Rezepte ungeprüft auszuprobieren.

Die Auswahl lässt erkennen, weshalb eine einzige Schublade „Heilkraut“ oft zu eng ist. Eine Pflanze konnte Nahrung würzen, duften, symbolische Bedeutung tragen und als Bestandteil einer Arznei gelten. Welche Rolle im Vordergrund stand, hing vom Text und von der jeweiligen Lebenssituation ab.

Rosmarin, der auf unserem Beitragsbild zu sehen ist, gehört ebenfalls zur Geschichte der europäischen Gartenkultur. Er wird in Darstellungen mittelalterlicher Klostergärten geführt. Seine Anwesenheit in einer heutigen Anlage belegt für sich allein allerdings noch nicht, seit wann er genau an diesem Ort angebaut wurde.

Kräuterkunde war mehr als Klostermedizin

Klöster sind für die Geschichte wichtig, weil sie schriftliche Zeugnisse bewahrten und eigene Versorgungsstrukturen unterhielten. Die vergleichsweise gute Überlieferung darf aber nicht mit einer vollständigen Geschichte verwechselt werden. Auch außerhalb der Klostermauern wurden Pflanzen angebaut, gesammelt, verarbeitet und weitergegeben.

Die historische Forschung unterscheidet unter anderem Kloster-, Bauern-, Bürger- und höfische Gärten. Die Untersuchung zu Gartenpflanzen des Mittelalters an der Universität Wien behandelt diese verschiedenen Lebensräume für das 11. bis 15. Jahrhundert. Damit wird sichtbar, wie wenig eine einzige Vorstellung vom „mittelalterlichen Kräutergarten“ der Vielfalt gerecht wird.

Auch die Geschichte der Überlieferung verdient Aufmerksamkeit. Was schriftlich festgehalten wurde, blieb eher erhalten als ein mündlich weitergegebenes Rezept. Dass wir einen Namen kennen, heißt deshalb nicht, dass nur diese Person Wissen besaß. Und wo Belege fehlen, sollten wir weder eine lückenlose Tradition erfinden noch jede Möglichkeit alltäglicher Erfahrung ausschließen.

Wie Pflanzenwissen über Zeiten und Grenzen wanderte

Die Kräuterkunde begann nicht erst im Mittelalter. Frühmittelalterliche Rezeptsammlungen griffen auf ältere Texte zurück. Später kamen Übersetzungen, Handel und vielfältige Kontakte hinzu. Der historische Quellenbestand zeigt, wie vielfältig die Herkunft des Wissens war. Schon das Lorscher Arzneibuch enthält Überlieferungen aus der griechisch-römischen Medizin.

Die einfache Erzählung, erst die Kreuzzüge hätten fremde Kräuter nach Mitteleuropa gebracht, greift daher zu kurz. Für eine einzelne Pflanze müsste jeweils untersucht werden, wann und auf welchem Weg sie eingeführt, beschrieben oder angebaut wurde. Die Geschichte von Texten ist zudem nicht identisch mit der Geschichte lebender Pflanzen.

Alte Bibliotheken sind deshalb für die Kräuterkunde ebenso wichtig wie erhaltene Gartenanlagen. Am Beispiel der Klosterbibliothek im Stift Admont lässt sich nachvollziehen, welchen kulturellen Wert die Bewahrung und Ordnung von Wissen besitzt. Ein altes Buch eröffnet einen Zugang; es erspart uns die Prüfung seines Inhalts nicht.

Überlieferte Nutzung und heutige Wirksamkeit auseinanderhalten

„Diese Pflanze wurde verwendet“ ist eine historische Aussage. „Diese Pflanze hilft bei dieser Erkrankung“ ist eine medizinische Aussage. Für die zweite braucht es zusätzliche Informationen: Welche Art, welcher Pflanzenteil, welche Zubereitung, welche Dosis, welche Beschwerden und welche Untersuchungen sind gemeint?

Auch in der heutigen Bewertung pflanzlicher Arzneimittel wird zwischen gut belegter medizinischer Verwendung und traditioneller Verwendung unterschieden. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA erläutert diese verschiedenen Wege. Langjährige Nutzung ist dabei eine andere Art von Grundlage als ein klinischer Wirksamkeitsnachweis.

Das Wort „natürlich“ bedeutet außerdem nicht automatisch nebenwirkungsfrei. Ein Gewürz im Essen, ein konzentrierter Extrakt und ein ätherisches Öl sind nicht austauschbar. Wer Pflanzen gezielt bei Beschwerden einsetzen möchte, sollte deshalb ein geeignetes Präparat und dessen Hinweise prüfen und sich bei Unsicherheit ärztlich oder in der Apotheke beraten lassen. Das gilt besonders bei regelmäßiger Medikamenteneinnahme.

Dieser Beitrag beschreibt historische Kräuterkunde. Er gibt keine Anleitung, mittelalterliche Rezepturen nachzukochen oder Krankheiten damit selbst zu behandeln. Die alte Kräuterkunde gewinnt nicht dadurch an Würde, dass wir ihre Grenzen verschweigen.

Die spirituelle Bedeutung des Gartens bewahren

Ein Garten kann uns etwas über Geduld lehren, ohne ein Heilversprechen abzugeben. Pflanzen wachsen in ihrem Rhythmus. Sie brauchen Licht, Boden, Wasser und Aufmerksamkeit. Die tägliche Pflege verbindet eine konkrete Tätigkeit mit der Erfahrung, dass lebendige Prozesse nicht beliebig beschleunigt werden können.

Das Kloster Oberzell beschreibt den historischen Kräutergarten auch als Ort von Arbeit, Einkehr und monastischer Übung. In dieser Verbindung von Gartenpflege und geistlichem Leben liegt ein Zugang, der über die Frage nach einzelnen Wirkstoffen hinausgeht. Sorgfalt wird zur täglichen Praxis.

Eine heutige spirituelle Begegnung mit Pflanzen darf eigenständig sein. Sie muss sich nicht als unveränderte mittelalterliche Tradition ausgeben. Wer Duft, Jahreszeiten und Wachstum bewusst wahrnimmt, kann eine Beziehung zur Natur entwickeln, ohne jede Empfindung in eine allgemeingültige Wirkung zu übersetzen.

Die symbolische und kulturelle Seite vertieft unser Beitrag über Heilkräuter und Zauberpflanzen. Historische Quelle, spirituelle Deutung und medizinische Aussage behalten dabei jeweils ihren eigenen Anspruch.

Altes Wissen mit wacher Neugier lesen

Wer sich mit Kräutern aus dem Mittelalter beschäftigt, kann mit einer einzigen Pflanze beginnen: Wo wird sie genannt? Wie beschreibt der Text sie? Lässt sich der alte Name sicher zuordnen? Was erzählt die Passage über den damaligen Alltag? Diese Fragen führen oft weiter als eine lange Liste angeblicher Heilwirkungen.

Ein Besuch in einem nach historischem Vorbild gestalteten Garten kann die Lektüre ergänzen. Dabei lohnt es sich, die Hinweise der Anlage ernst zu nehmen: Welche Beete sind rekonstruiert, welche zeitgenössisch gestaltet? Welche Pflanzen wurden aus didaktischen Gründen ausgewählt? Auch ein heutiger Klostergarten erzählt immer von seiner Gegenwart.

Für die heutige Beschäftigung mit Kräutern bieten die Garteninformationen zur historischen Kräuterkunde sowie das Pflanzensortiment europäischer Heilkräuter weitere Zugänge. Ein aktueller Gartenbeitrag oder ein Shopangebot ersetzt jedoch weder eine historische Originalquelle noch einen Wirksamkeitsnachweis.

Die Begegnung mit diesem Wissen darf Freude machen: am genauen Hinsehen, am Lesen und am lebendigen Garten. Seine Geschichte sorgfältig zu erzählen heißt, den Menschen von damals ebenso gerecht zu werden wie denjenigen, die heute Orientierung suchen.

Erstveröffentlichung: 30.11.2019
Artikel aktualisiert am 24.10.2026

Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.

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Über die Autorin Heike Schonert

Heike SchonertHeike Schonert

Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom- Ökonom. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe.
Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.

Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weiter geben und mit ihr wachsen.“

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