Wie Erlebtes zu einem Bild von uns selbst wird
Der Mensch besteht aus Geschichten: In diesem Bild liegt die Erfahrung, dass wir unser Leben durch Erinnern und Erzählen zusammenfügen. Dabei unterscheiden sich ein Ereignis, unsere Erinnerung daran und die Bedeutung, die wir ihm heute geben. Wer diese Ebenen auseinanderhält, kann ein festgefahrenes Selbstbild prüfen, ohne die eigene Vergangenheit umzuschreiben.
Eine Absage kann als einzelner enttäuschender Tag in Erinnerung bleiben. Sie kann aber auch zum Ausgangspunkt eines viel größeren Satzes werden: „Für mich gibt es keinen Platz.“ Der erste Satz beschreibt eine Erfahrung. Der zweite macht daraus eine Erklärung des ganzen Lebens. Solche Erklärungen verdienen Aufmerksamkeit, gerade wenn sie schon lange vertraut klingen.
Die Frage nach unserer Lebensgeschichte berührt damit auch die Frage „Wer bin ich?“. Hier geht es besonders um das Erzählen: Was wählen wir aus, was lassen wir weg, und welche Möglichkeiten sehen wir dadurch für unsere Zukunft?

Erinnerung ist keine lückenlose Lebensaufnahme
Eine Biografie umfasst mehr, als sich erzählen lässt. Selbst ein gewöhnlicher Tag enthält Begegnungen, Gedanken und kleine Entscheidungen, von denen später vieles in den Hintergrund tritt. Wenn wir davon berichten, wählen wir einen Anfang, einen Zusammenhang und ein Ende. Schon diese Auswahl lenkt den Blick.
Der Begriff narrative Identität beschreibt in der Psychologie eine innere, sich weiterentwickelnde Lebensgeschichte. Dan McAdams und Kate McLean erläutern, wie darin eine rekonstruierte Vergangenheit und eine vorgestellte Zukunft verbunden werden. Ihre Forschungsübersicht zur narrativen Identität ist kein Beleg dafür, dass Menschen sich durch eine andere Erzählung beliebig verändern können. Sie bietet einen Begriff für die Frage, wie wir Erlebtem Bedeutung geben.
Das lässt sich im Alltag beobachten, ohne daraus ein großes System zu machen. Vielleicht erzählen Sie von einer beruflichen Veränderung heute anders als unmittelbar nach dem Abschied. Was damals wie ein ausschließliches Scheitern erschien, kann später zugleich als Verlust, notwendige Grenze und neuer Anfang sichtbar werden. Keine dieser Perspektiven muss das Geschehene leugnen.
Drei Ebenen, die leicht ineinanderlaufen
Für eine ehrliche Rückschau hilft eine einfache Unterscheidung. Sie ist eine redaktionelle Anregung zur Selbstreflexion, kein diagnostischer Test und keine therapeutische Methode.
- Das Ereignis: Was ist nachprüfbar geschehen? Ein Gespräch fand statt, eine Bewerbung wurde abgelehnt, eine Freundschaft endete. Wo wir etwas nicht wissen, darf die Lücke benannt bleiben.
- Die Erinnerung: Was ist uns davon gegenwärtig? Ein bestimmter Satz, ein Gesichtsausdruck, ein Gefühl. Andere Beteiligte können andere Ausschnitte erinnern.
- Die Deutung: Was schließen wir daraus über uns und die Welt? Hier entstehen Sätze wie „Ich bin zu viel“, „Man kann niemandem vertrauen“ oder „Ich darf meinen eigenen Weg gehen“.
Schwierig wird es, wenn eine Deutung wie eine unanfechtbare Tatsache behandelt wird. „Meine Bitte blieb unbeantwortet“ und „Meine Bedürfnisse sind unwichtig“ bezeichnen nicht dasselbe. Der erste Satz lässt sich an einer Situation prüfen. Der zweite kann sich auf viele weitere Situationen ausbreiten, obwohl er aus diesem einen Ereignis nicht folgt.
Umgekehrt sollte eine neue Deutung nicht zum Schönreden dienen. Wenn jemand Sie verletzt hat, macht ein freundlicherer Satz die Verletzung nicht ungeschehen. Eine brauchbare Erzählung hält aus, dass etwas ungerecht war und dass dennoch nicht das ganze weitere Leben darauf festgelegt sein muss.
Ein Beispiel: Eine abgesagte Einladung
Stellen wir uns eine gewöhnliche, erfundene Situation vor: Eine Person lädt Freunde zum Essen ein. Zwei sagen kurzfristig ab, eine dritte meldet sich nicht. Der Abend fällt aus. Der Satz, der danach hängen bleibt, lautet: „Ich bin den anderen offenbar nicht wichtig.“
Die Enttäuschung ist verständlich. Zur Klärung gehört aber die Frage, was tatsächlich bekannt ist. Vielleicht hat eine Person einen konkreten Grund genannt. Von einer anderen fehlt jede Erklärung. Die fehlende Antwort ist eine Beobachtung; das Urteil über den eigenen Wert geht weit darüber hinaus.
Eine genauere Fassung könnte lauten: „Ich habe mich auf den Abend gefreut und bin enttäuscht. Bei zwei Absagen kenne ich die Gründe. Die dritte Person möchte ich fragen, was passiert ist. Ich werde beobachten, ob Verlässlichkeit in dieser Freundschaft grundsätzlich fehlt.“ Diese Erzählung ist weniger endgültig. Gerade dadurch lässt sie Handlungsmöglichkeiten offen.
Sie enthält keine Pflicht zur Nachsicht. Ergibt sich ein wiederkehrendes Muster von Rücksichtslosigkeit, kann eine Grenze angemessen sein. Der Unterschied liegt darin, eine Beziehung zu beurteilen, statt den eigenen Wert aus ihr abzuleiten. Ein Mensch ist mehr als die Resonanz, die eine Einladung bekommt.
Die Geschichten, die wir aus der Familie übernehmen
Manche Sätze über das Leben haben wir nicht selbst geprägt. „Bei uns musste man immer kämpfen.“ „Wir zeigen keine Schwäche.“ „Andere haben ohnehin bessere Chancen.“ Solche Familienerzählungen können Erfahrungen bewahren und Zusammenhalt schaffen. Sie können aber auch Erwartungen weitergeben, die für das heutige Leben zu eng geworden sind.
Fragen Sie bei einer solchen Erzählung nach ihrem konkreten Ursprung. Wer hat den Satz gesagt? Von welchem Ereignis war die Rede? Was wissen Sie aus eigener Anschauung, was aus späteren Berichten? Eine überlieferte Geschichte ist nicht wertlos, weil sie Lücken enthält. Sie sollte nur nicht genauer erscheinen, als die Überlieferung es erlaubt.
Auch Widersprüche gehören dazu. Ein Großvater kann fürsorglich gewesen sein und zugleich andere Menschen abgewertet haben. Eine Familie kann schweren Verlust erlebt haben und dennoch eigene Verantwortung tragen. Eine ehrliche Geschichte muss ihre Angehörigen weder zu Helden noch zu abschreckenden Figuren machen.
Verbundenheit wird dadurch nicht kleiner. Sie kann tragfähiger werden, wenn wir würdigen, was uns gegeben wurde, und zugleich entscheiden, was wir nicht fortsetzen möchten. Die Übergänge zwischen Lebensphasen bieten dafür besondere Anlässe: wenn wir selbst Eltern werden, einen vertrauten Beruf verlassen oder für Angehörige sorgen.
Zuhören heißt, die eigene Erklärung zeitweise zurückzustellen
Eine Geschichte verbindet erst dann, wenn jemand hören darf, was der andere tatsächlich sagt. Das ist anspruchsvoller, als eine ähnliche eigene Erfahrung bereitzuhalten. Wer nach wenigen Sätzen antwortet „Das kenne ich genau“, kann unbeabsichtigt den Unterschied zwischen zwei Lebenswegen übergehen.
Hilfreiche Fragen bleiben nahe am Erzählten: Was war damals für Sie wichtig? Was haben Sie erst später verstanden? Welche Seite der Situation kommt in der üblichen Darstellung zu kurz? Solche Fragen geben der anderen Person die Möglichkeit, ihre Bedeutung selbst zu benennen.
Auch Schweigen verdient Respekt. Niemand schuldet anderen seine Verletzungen, nur weil ein Gespräch tief werden soll. Eine geteilte Geschichte ist ein Angebot. Das Recht, etwas für sich zu behalten, gehört zur persönlichen Würde ebenso wie das Recht, gehört zu werden.
Eine kleine Rückschau ohne Pflicht zum positiven Ende
Wählen Sie ein überschaubares Ereignis, das Sie wiederholt ähnlich erzählen. Beginnen Sie für diese Übung nicht mit Ihrer schwersten Lebenserfahrung. Ein beruflicher Rückschlag, ein verpasster Termin oder ein gelungener Entschluss kann genügen.
- Notieren Sie die kurze Geschichte. Schreiben Sie auf, was Sie gewöhnlich darüber erzählen. Fünf bis sechs Sätze reichen.
- Markieren Sie Beobachtungen und Urteile. Wo steht ein überprüfbares Geschehen? Wo ein Satz über Ihre ganze Person, andere Menschen oder die Zukunft?
- Suchen Sie einen fehlenden Ausschnitt. Gab es Unterstützung, einen eigenen Anteil, eine Grenze oder einen Umstand, der in der bisherigen Fassung fehlt?
- Schreiben Sie eine genauere Fassung. Sie muss weder freundlicher noch versöhnlicher sein. Sie soll den bekannten Tatsachen und Ihrer heutigen Sicht besser entsprechen.
- Verbinden Sie die Rückschau mit einer Entscheidung. Was möchten Sie nachfragen, anerkennen, wiedergutmachen oder künftig anders handhaben?
Der letzte Schritt schützt davor, sich nur in Erklärungen zu bewegen. Wer eine Absage künftig weniger persönlich nehmen möchte, könnte zunächst die Rückmeldung abwarten oder gezielt nachfragen. Wer den eigenen Anteil erkennt, kann sich entschuldigen. Eine neue Geschichte gewinnt Gewicht, wenn ihr eine nachvollziehbare Handlung entspricht.
Wenn das Erinnern Sie stark belastet, dürfen Sie die Übung beenden. Es gibt Erfahrungen, die Begleitung brauchen. Ein Magazintext kann dafür keine Behandlung ersetzen und verspricht keine Heilung durch Schreiben.
Was eine spirituelle Perspektive öffnen kann
Die Vorstellung vom Menschen als Geschichtenwesen hat eine zweite Seite: Eine Geschichte kann Ausdruck unseres Lebens sein, ohne unser ganzes Wesen einzuschließen. In der Stille eines aufmerksamen Augenblicks müssen wir uns nicht erklären. Wir können da sein, auch wenn gerade keine überzeugende Erzählung gelingt.
Diese spirituelle Blickrichtung muss keine Erinnerung entwerten. Sie kann den Griff lockern, mit dem wir an einer fertigen Beschreibung festhalten. Wer sich lange als die Übersehene oder der immer Verantwortliche erzählt hat, darf bemerken, dass dieser Satz einen Ausschnitt erfasst. Auch Bedürfnisse, Möglichkeiten und Beziehungen, die darin fehlen, gehören zum Leben.
Eine solche Offenheit ist kein Freibrief, Folgen des eigenen Handelns abzustreifen. Zum inneren Reifen gehört, die eigene Geschichte weiterzuerzählen und dabei Verantwortung zu behalten. Ein Fehler darf Teil einer Biografie sein, ohne zum Urteil über die ganze Person zu werden.
Die nächste Seite muss noch nicht feststehen
Wir können weder alles erinnern noch alles erklären. Manche Abschiede bleiben widersprüchlich, manche Entscheidungen lassen sich nicht nachträglich auflösen. Auch dafür braucht eine Lebensgeschichte Platz. Sie darf Brüche enthalten, ohne dass wir aus ihnen sofort eine Lektion gewinnen müssen.
Eine brauchbare Rückschau macht die Vergangenheit genauer und die Zukunft weniger vorbestimmt. Sie würdigt Erfahrenes, hört anderen zu und lässt eine offene Frage stehen. Vielleicht beginnt eine Veränderung mit dem kleinen Zusatz: „So habe ich es bisher erzählt.“ Darin liegt noch keine neue Gewissheit. Aber die Möglichkeit, noch einmal hinzusehen.
Erstveröffentlichung: 22.07.2020
Artikel aktualisiert am 25.10.2026
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.
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Über die Autorin Heike Schonert
Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom-Ökonomin. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe. Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.
Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weitergeben und mit ihr wachsen.“



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