Wie Hochsensibilität in verschiedenen Lebensphasen erlebt werden kann
Hochsensibilität im Wandel der Zeit zeigt sich in diesem Beitrag als ein Weg durch die Lebensphasen: von der Kindheit über Jugend und Beruf bis ins Alter. Die eigene Empfindsamkeit kann dabei sehr unterschiedlich erlebt werden. Ein dichter Alltag kann überfordern, während mehr Ruhe und Selbstkenntnis helfen können, die eigene Wahrnehmung als Gabe zu entdecken.
Hochsensibilität ist keine Krankheit. Aufgenommene Reize können intensiv verarbeitet werden; hochsensible Personen fühlen sich dadurch mitunter schnell überreizt. Doch aus dieser Beschreibung folgt kein einheitlicher Lebenslauf. Kinder, Jugendliche und Erwachsene bleiben unterschiedliche Menschen, mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten.
Der Überblick zu Sensibilität aus dem Forschungsnetzwerk Sensitivity Research beschreibt, dass empfindsamere Menschen sowohl von belastenden als auch von unterstützenden Erfahrungen stärker beeinflusst werden können. Die eigene Wahrnehmung ist damit nicht nur eine Frage des Aushaltens. Auch die Umgebung, in der wir leben, verdient Aufmerksamkeit.

Hochsensible Kinder brauchen freie Zeit
Hochsensible Kinder können sich schnell gestresst fühlen durch andere Kinder, durch kratzige Kleidung oder durch die vielen Anforderungen, die an sie gestellt werden. Gerade in der heutigen Zeit sind Kinder zum Teil zeitlich so verplant wie ein Topmanager.
Viele Eltern wollen ihre Kinder fördern und sind der Meinung, sie müssten unbedingt ein Musikinstrument erlernen oder sogar mehrere, müssten zum Ballett gehen, nicht zu vergessen zum Sport der unterschiedlichsten Art. Selbst Yogakurse für Kinder werden angeboten.
Kinder wollen spielen. Kinder brauchen Erholung und nicht ständig ein Programm. Schön, wenn sie sich kreativ betätigen, aber bitte ohne dauernden Leistungsdruck. Im Wort Freizeit steckt auch das Wort „frei“: Es bedeutet freie Zeit, und dazu gehört Raum für eigene Entscheidungen.
Das eine Kind geht gerne zum Sport, das andere zieht sich lieber mit einem Buch zurück. Lasst den Kindern die Zeit, zu sich zu kommen und sich selbst zu entdecken! Nicht jedes Angebot, das gut gemeint ist, passt zu jedem Kind. Manchmal hilft es, eine Aktivität weniger einzuplanen und zu beobachten, was das Kind mit diesem Freiraum anfängt.
Heranwachsende zwischen Zugehörigkeit und Rückzug
Als heranwachsender Mensch kann eine hochsensible Person besonders mit sich zu kämpfen haben: sich unsicher fühlen, auf Kränkungen stark reagieren oder von vielen Eindrücken überreizt sein und dennoch mit den anderen mithalten wollen. Das kann schwierig werden, wenn man noch wenig Gelegenheit hatte, zur Ruhe und zu sich selbst zu kommen.
Ein Rückzug muss dabei nicht bedeuten, dass jemand keine Gemeinschaft möchte. Vielleicht braucht es zunächst eine Pause, bevor wieder Kontakt möglich ist. Ebenso wenig sollte jede Schwierigkeit mit dem Wort Hochsensibilität erklärt werden. Die konkrete Situation bleibt wichtiger als eine schnelle Zuschreibung.
Hilfreich kann sein, gemeinsam nach einer Form zu suchen: Welche Begegnungen tun gut? Wann wird es zu viel? Wie lässt sich eine Pause ansprechen, ohne sich dafür entschuldigen zu müssen? Solche Fragen lassen einem jungen Menschen mehr Eigenständigkeit als der ständige Hinweis, er sei eben besonders empfindlich.
Wenn Erwachsene von den Anforderungen überrannt werden
Spätestens im Berufsleben können die Anforderungen dicht werden. Chefs, Kollegen, Erwartungen von anderen und an sich selbst. So ganz nebenbei soll man auch noch einen Partner fürs Leben finden und eine Familie gründen. Wohnung, Haus, Beruf, Familie: Überall Verpflichtungen.
- Wo bleibt hier die freie Zeit?
- Und wenn man sich Zeit freischaufelt: Weiß man sie auch zu nutzen?
- Hat man in der Kindheit gelernt, freie Zeit zu verbringen?
- Mit Dingen, die einem wirklich Spaß bereiten?
Hochsensible Menschen können sich in der Mitte des Lebens von den vielen Eindrücken und Anforderungen überrannt fühlen. Man sieht vielleicht kaum eine Möglichkeit, etwas zur Seite zu schieben und auf dem Weg der Entspannung wieder zu sich selbst zu kommen.
Leicht richtet sich der Blick dann nur noch auf die Umgebung: den Chef, den Partner, die Kinder oder die Nachbarn. Natürlich können äußere Belastungen real sein. Gleichzeitig lohnt die Frage, wo ein eigener, wenn auch kleiner Spielraum besteht. Nicht jeder Mensch kann seine Lebensverhältnisse einfach verändern. Aber vielleicht lässt sich eine Erwartung besprechen oder eine Verpflichtung anders aufteilen.
Die besonderen Fragen zu Arbeitsplatz und Berufswahl vertieft der Beitrag über Hochsensibilität im Beruf. Hier geht es um den übergreifenden Rhythmus zwischen Aktivität und Erholung, der auch jenseits des Berufs wichtig bleibt.
Hochsensibilität im Alter bewusster wahrnehmen
Manche hochsensiblen Personen schaffen es erst später im Leben, zurückzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Sie lernen Yoga oder meditieren, gehen auf Reisen oder prüfen langjährige Beziehungen neu. Kurz: Sie fangen an, auf sich zu achten, und bemerken dabei ihre sensitive Gabe und die Möglichkeiten, die damit verbunden sein können.
Sie beginnen, ihrer Hochsensibilität nachzuspüren und sich an tiefen Eindrücken zu erfreuen. Sie lernen den Wechsel von Aktivität und Ruhe kennen und fragen sich vielleicht, warum sie sich früher so viel Stress gemacht haben, auch über Dinge, die ihnen heute weniger wichtig erscheinen.
Das ist eine mögliche Entwicklung, keine feste Regel. Mehr Lebensjahre schaffen nicht automatisch mehr Ruhe. Auch das Alter kann neue Belastungen und Veränderungen mit sich bringen. Umso wertvoller kann sein, den eigenen Rhythmus immer wieder neu zu betrachten, statt von sich dieselbe Belastbarkeit wie zu einer anderen Zeit zu verlangen.
Die eigene Empfindsamkeit früher ernst nehmen
Schön wäre es doch, diese Gabe schon früher nutzen zu können. Lassen Sie uns bei unseren Kindern oder, wenn diese schon erwachsen sind, bei unseren Enkel- oder Nachbarskindern anfangen. Indem wir ihnen freie Zeit zugestehen und sie darin bestärken, eigene Bedürfnisse wahrzunehmen.
Wir können ihnen helfen, Eigenverantwortung dafür zu entwickeln, wie sie ihre Zeit einteilen. Eben nicht nur am Handy oder am Tablet zu verbringen, sondern ein Gefühl für einen Rhythmus zu finden, der ihnen je nach Temperament und Sensibilität guttut.
Nun, das geht am besten, indem wir es ihnen vorleben. Welche Pause nehmen wir uns selbst? Können wir eine Verabredung absagen, wenn uns alles zu viel wird? Gönnen wir uns eine ruhige Tätigkeit, ohne sie sofort wieder nützlich machen zu müssen?
Die Unterscheidung zwischen Empathie und Hochsensibilität kann außerdem helfen, die eigene Wahrnehmung genauer zu verstehen. Nicht jede Form von Mitgefühl und nicht jede Überlastung beschreibt dasselbe.
Auf sich achten, ohne sich festzulegen
Beginnen Sie möglichst früh, Wege kennenzulernen, auf denen Sie zur Ruhe kommen können. Das muss nicht für jeden Menschen dieselbe Methode sein. Ein Spaziergang, eine stille Beschäftigung oder eine bewusst eingeplante Pause können zunächst Gelegenheit geben, den eigenen Zustand überhaupt wahrzunehmen.
Wenn Beschwerden länger anhalten oder den Alltag deutlich einschränken, sollte Hochsensibilität nicht als vollständige Erklärung dienen. Eine fachliche Abklärung kann helfen, andere Ursachen und geeignete Unterstützung zu erkennen. Das schmälert den Wert der eigenen Empfindsamkeit nicht.
Sie haben Verantwortung für sich. Diese Verantwortung beginnt nicht erst dann, wenn alles andere erledigt ist. Sie darf darin bestehen, den eigenen Rhythmus ernst zu nehmen und anderen denselben Freiraum zuzugestehen.
Erstveröffentlichung: 29.04.2019
Artikel aktualisiert am 25.10.2026
Silvia Christine Strauch
Alle Beiträge der Autorin auf Spirit Online
Über die Autorin Silvia Christine Strauch
Silvia Christine Strauch ist eine ausgebildete Kommunikationstrainerin und etablierte Buchautorin. Sie beschäftigte sich beruflich 40 Jahre lang mit dem Themengebiet der komplementären Medizin. Dabei lagen ihre Tätigkeitsschwerpunkte im Coaching, in der Personalführung sowie im Verkauf. Zudem gilt sie als Fachfrau für artgerechte Pferdehaltung und für die Ausbildung von Pferden und Hunden.



Hinterlasse jetzt einen Kommentar