Was hinter dem angeblichen Liebesbrief an Lieserl steckt
Albert Einstein hat den verbreiteten Brief über die universale Kraft der Liebe nach Auskunft seines Archivs nicht geschrieben. Die bewegenden Worte werden seiner Tochter Lieserl zugedacht, doch eine authentische Vorlage fehlt. Wer den Text als spirituellen Impuls lesen möchte, kann das tun. Als Aussage Einsteins oder physikalische Erklärung der Liebe taugt er nicht.
Gerade weil der Brief so berührt, verdient seine Herkunft Aufmerksamkeit. Ein weltberühmter Name kann einem Gedanken Gewicht verleihen, bevor wir ihn selbst geprüft haben. Dabei braucht Liebe keinen Nobelpreisträger als Fürsprecher. Ihre Bedeutung zeigt sich in der Art, wie wir Menschen begegnen, wie wir füreinander sorgen und welche Verantwortung wir übernehmen.
Hat Albert Einstein seiner Tochter über die Liebe geschrieben?
Im Internet kursiert eine Botschaft, in der Liebe zur umfassenden Kraft des Universums erklärt wird. Sie soll Licht, Anziehung und eine Antwort auf menschliche Selbstzerstörung sein. Die Erzählung dazu verbindet Einsteins wissenschaftlichen Ruhm mit einem sehr persönlichen Bild: Ein Vater vertraut seiner Tochter eine letzte, entscheidende Erkenntnis an.
Der Faktencheck der Nachrichtenagentur AFP hat diese Zuschreibung mit dem Albert-Einstein-Archiv überprüft. Dessen Kurator Roni Grosz wies die Urheberschaft ausdrücklich zurück. In den einschlägigen Archiven ist kein entsprechender Brief nachgewiesen. Das ist mehr als eine offene Meinungsverschiedenheit darüber, wie Einstein zu verstehen sei.
Eine ältere Fassung dieses Beitrags behandelte die Echtheit als umstritten und erklärte die Urheberschaft anschließend für letztlich unerheblich. Diese Gewichtung war unzureichend. Für die persönliche Wirkung eines Textes kann der Name zweitrangig sein. Sobald wir ihn jedoch als historischen Brief veröffentlichen, gehört die richtige Zuschreibung zu unserer Verantwortung.
Der verlässliche Befund lautet deshalb: Die Worte dürfen nicht als authentischer Einstein-Brief ausgegeben werden. Wer sie tatsächlich verfasst hat und wie jede einzelne Fassung entstanden ist, lässt sich aus dem vorliegenden Nachweis nicht bestimmen. Eine Lücke in der Herkunftsgeschichte sollte nicht mit einer neuen Vermutung gefüllt werden.

Warum die Geschichte so überzeugend wirkt
Der Brief verbindet zwei Sehnsüchte, die einander im Alltag oft fern erscheinen: den Wunsch nach verlässlichem Wissen und das Bedürfnis nach Liebe. Ein Physiker scheint zu bestätigen, dass unsere tiefsten Gefühle zum Bauplan des Universums gehören. Das klingt nach einer Versöhnung von Verstand und Herz.
Hinzu kommt die Form des persönlichen Vermächtnisses. Ein Brief an eine Tochter wirkt vertraulich und verletzlich. Wir lesen vermeintlich keine öffentliche Erklärung, sondern eine Einsicht, die ein Mensch einem nahestehenden Menschen anvertraut. Auch das kann dazu führen, dass wir zuerst auf den emotionalen Gehalt reagieren und die Herkunft später prüfen.
Darin liegt kein Grund, Leserinnen und Leser herabzusetzen. Berührt zu werden ist keine Schwäche. Entscheidend ist, was nach diesem ersten Eindruck geschieht: Können wir die Botschaft würdigen und zugleich eine falsche Zuschreibung korrigieren? Diese beiden Bewegungen vertragen sich gut.
Im Beitrag über wissenschaftlich klingende Versprechen und neuen Aberglauben geht es um die weiterführende Frage, wann anerkannte Begriffe eine Behauptung begründen und wann sie ihr lediglich Ansehen verleihen. Beim angeblichen Liebesbrief übernimmt der berühmte Name eine ähnliche Funktion.
Liebe ist keine zusätzliche physikalische Kraft
Wenn wir sagen, ein Mensch strahle Wärme aus oder Liebe ziehe uns an, verwenden wir Bilder. Sie machen Erfahrungen verständlich, ohne sie in Messgrößen zu übersetzen. Auch die Rede von der Kraft der Liebe kann ausdrücken, dass Zuwendung unser Handeln verändert oder uns durch eine schwere Zeit trägt.
Problematisch wird es, wenn aus diesem Bild ein naturwissenschaftlicher Nachweis gemacht wird. Physikalische Energie hat eine definierte Bedeutung und wird in entsprechenden Größen beschrieben. Der Satz, Energie könne ihre Form verändern, erklärt nicht, was Fürsorge, Treue oder Mitgefühl zwischen Menschen bedeuten. Aus einer sprachlichen Ähnlichkeit folgt keine neue Naturkraft.
Liebe wird durch diese Unterscheidung nicht kleiner. Ein Trost spendendes Gespräch muss sich nicht wie Gravitation beschreiben lassen, um wertvoll zu sein. Die Aufmerksamkeit eines Menschen lässt sich nicht auf eine Formel reduzieren, die zugleich seine Verantwortung, Geschichte und Beziehung zu uns erfasst.
Wer wissen möchte, welche Rolle Staunen und religiöses Empfinden bei Einstein selbst spielten, findet im Beitrag über Einsteins kosmische Religiosität eine eigene Einordnung. Diese Frage verdient ihre Quellen und sollte nicht aus dem vermeintlichen Brief beantwortet werden.
Die spirituelle Bedeutung darf eine eigene Sprache haben
Für mich besitzt Liebe eine spirituelle Tiefe, weil sie unsere enge Selbstbezogenheit öffnen kann. Ein anderer Mensch begegnet uns dann mit einem eigenen Wert, eigenen Bedürfnissen und einer Verletzlichkeit, die wir nicht übergehen wollen. Wir müssen ihn nicht besitzen, um uns ihm verbunden zu fühlen.
Manche Menschen erleben diese Verbundenheit als göttlich, andere als Erfahrung einer umfassenden Einheit. Wieder andere finden dafür keine religiösen Worte. Solche Zugänge dürfen nebeneinanderstehen. Ihr persönlicher Wert hängt nicht davon ab, ob Einstein sie ausgesprochen oder eine wissenschaftliche Theorie dafür entwickelt hat.
Eine spirituelle Betrachtung wird glaubwürdiger, wenn sie ihre Gedanken selbst trägt. Sie darf fragen, wie aus Mitgefühl Handeln wird und wie weit Fürsorge über den vertrauten Kreis hinausreicht. Sie muss dafür weder einen berühmten Menschen vereinnahmen noch so tun, als sei jede existenzielle Frage bereits durch Physik entschieden.
Die Vorstellung göttlicher Liebe führt in einen anderen Deutungsraum als die Suche nach einem historischen Brief. Eine klare Sprache lässt diese Tiefe bestehen und hilft zugleich, sie von einer überprüfbaren Urheberbehauptung zu unterscheiden.
Woran die Kraft der Liebe im Alltag erkennbar wird
Ein großer Gedanke gewinnt an Bedeutung, wenn er eine konkrete Form annimmt. Jemand hört zu, obwohl eine schnelle Antwort bequemer wäre. Ein Fehler wird eingestanden, ohne dem anderen die Schuld zuzuschieben. Eine belastende Aufgabe wird geteilt, statt Fürsorge nur zu loben. Hier wird sichtbar, was wir mit Liebe meinen.
Diese Handlungen sind weniger spektakulär als eine universelle Weltformel. Sie verlangen aber eine Aufmerksamkeit, die sich nicht durch ein schönes Zitat ersetzen lässt. Eine liebevolle Haltung bewährt sich auch dort, wo Menschen verschiedene Ansichten haben oder eine Beziehung eine schwierige Grenze erreicht.
Liebe verpflichtet niemanden dazu, Demütigung, Kontrolle oder Gewalt hinzunehmen. Wer eine Grenze ausspricht, kann die eigene Würde schützen und dem anderen dennoch Menschlichkeit zugestehen. Die Erfahrung von Liebe, Vertrauen und eigenen Grenzen betrachtet diesen Zusammenhang ausführlicher.
Auch der Umgang mit Tieren, die Unterstützung eines einsamen Nachbarn oder verlässliches Engagement für die Natur können Zuwendung ausdrücken. Der Gedanke einer verbindenden Liebe wird dann zu einer Frage an unser Leben: Wer profitiert tatsächlich von dem, was ich liebevoll nenne?
Ein bewegendes Zitat sorgfältig weitergeben
Auch die Abbildung einer handschriftlichen Seite wäre für sich allein noch kein Herkunftsnachweis. Wichtig ist, ob sie einem überprüfbaren Bestand zugeordnet werden kann. Wer dagegen nur einen deutschen Text auf einem stimmungsvollen Hintergrund sieht, hat eine Gestaltung vor sich und noch kein historisches Dokument. Diese Unterscheidung lässt sich auch auf viele andere verbreitete Weisheiten übertragen.
Bevor ein zugeschriebener Brief geteilt wird, lohnt ein kurzer Blick auf seine Herkunft. Ist ein Original, ein Datum oder eine überprüfbare Ausgabe genannt? Führt der Link zu einem Archiv oder nur zu einer weiteren Abschrift? Eine lange Reihe identischer Veröffentlichungen kann auf derselben ungesicherten Vorlage beruhen.
Fehlt der Nachweis, lässt sich das offen sagen. Ein Gedanke kann als Text unbekannter Herkunft vorgestellt werden, sofern auch die Rechte zur Weitergabe beachtet werden. Noch ehrlicher kann es sein, den eigenen Gedanken zu formulieren: Mich beschäftigt, wie Liebe unser Zusammenleben verändert. Dafür muss kein anderer Mensch als Gewährsmann auftreten.
Wer den Brief früher selbst als Einstein-Text weitergegeben hat, kann die Zuschreibung korrigieren. Eine solche Korrektur nimmt der ursprünglichen Berührung nichts weg. Sie zeigt, dass uns auch die Menschen wichtig sind, an die wir Informationen weitergeben.
Die universale Kraft der Liebe bleibt damit eine mögliche spirituelle Metapher, keine Entdeckung Einsteins. Was sie für unser Leben bedeutet, müssen wir selbst verantworten. Dafür sind Aufmerksamkeit, Mitgefühl und ein ehrlicher Umgang mit Wahrheit ein tragfähiger Anfang.
Erstveröffentlichung: 23.05.2019
Artikel aktualisiert am 25.10.2026
Heike Schonert
HP für Psychotherapie und Dipl.-Ök.
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Über die Autorin Heike Schonert
Heike Schonert, Heilpraktikerin für Psychotherapie, Diplom-Ökonomin. Als Autorin, Journalistin und Gestalterin dieses Magazins gibt sie ihr ganzes Herz und Wissen in diese Aufgabe. Der große Erfolg des Magazins ist unermüdlicher Antrieb, dazu beizutragen, dieser Erde und all seinen Lebewesen ein lebens- und liebenswertes Umfeld zu bieten, das der Gemeinschaft und der Verbindung aller Lebewesen dient.
Ihr Motto ist: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, uns als Ganzheit begreifen und von dem Wunsch erfüllt sind, uns zu heilen und uns zu lieben, wie wir sind, werden wir diese Liebe an andere Menschen weitergeben und mit ihr wachsen.“



Den Spagat zwischen Herzens-Wahrheit und dem, was “konveniert” kenne ich als Naturwissenschaftlerin nur zu gut, nicht zuletzt deshalb berührt mich der Artikel und die “Historie” der Briefe.
Obgleich dieser Brief eine schöne Botschaft vermittelt, ist er höchstwahrscheinlich nicht von Albert Einstein verfasst worden. Es ändert zwar nichts an der Aussage, aber mir ist wichtig, dass einem Fast-Atheisten und genialen Wissenschaftler wie Albert Einstein nicht irgendetwas in den Mund gelegt wird.
Hier ein paar Hinweise:
1) Der “Brief” tauchte plötzlich im April 2015 im Internet auf. Davor gibt es keinerlei Kopie oder Verweise auf diesen Brief, weder im Internet noch in den Archiven gesammelter Publikationen, Essays und Korrespondenzen Einsteins. Auch eine Suche nach markanten Phrasen aus dem angeblichen “Brief”, egal ob auf Englisch oder Deutsch, lieferte keine Ergebnisse.
2) In der dem angeblichen “Brief” vorangestellten Erklärung wird behauptet, dass Einstein “eine Tochter hatte, welche er liebevoll Lieserl nannte und der er sein Leben lang liebevolle Briefe schrieb.” Weiters wird behauptet, dass sie “in den späten 1980er Jahren der Hebrew University alle Briefe ihres Vaters gab, mit der Bedingung, diese erst 20 Jahre später zu veröffentlichen.”
Albert Einstein hatte tatsächlich eine Tochter “Lieserl”. Diese wurde 1902 nahe Belgrad geboren. Allerdings ist nicht bekannt, was aus dem Mädchen geworden war. Einstein erwähnt ihren Namen nur ein paar wenige Male in seinen früheren Briefen, und zuletzt in einem Brief vom 19. September 1903, als er seine Sorge um Lieserl’s Scharlacherkrankung zum Ausdruck bringt. Nach diesem Zeitpunkt erwähnt Einstein seine Tochter in keinem seiner Briefe oder überlieferten Gesprächen. Die führenden Experten auf diesem Gebiet nehmen an, dass Lieserl im Jahr 1903 im Alter von nur 21 Monaten an Scharlach verstarb [1, 2]. Es gab also keine “Lieserl”, die Einstein in einem Brief bitten konnte, “diesen Brief zurückzuhalten, bis die Menschen sich soweit entwickelt haben, dass alle verstehen, wovon ich rede.” Und es gab keine “Lieserl”, die irgendeiner Universität in den späten 80ern die Briefe ihres Vaters gab.
3) Die im Brief erwähnte Äquivalenz von Masse und Energie wurde 1905 von Einstein in ihrer Urform formuliert aber erst im Laufe der nächsten 30-40 Jahre durch diverse Experimente und Beweise zu E=mc2 weiterentwickelt. Der angebliche “Brief” unterscheidet sich sehr in Ton und Inhalt von anderen noch existierendem Schriftverkehr bzw. Schriften des berühmten Wissenschaftlers, vor allem vom späteren Teil seines Lebens. Die diversen im “Brief” enthaltenen pseudo-physikalischen, esoterischen Schlussfolgerungen und Behauptungen sind eindeutig laienhaft und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass diese von Einstein in dieser Form geschrieben worden sind.
4) Das im angeblichen Brief suggerierte Gottesverständnis (“Liebe ist unser Gott und Gott ist unsere Liebe.”) entspricht nicht dem Gottesverständnis, das Einstein Zeit seines Lebens immer wieder betonte: “Wenn in mir etwas ist, was religiös genannt werden kann, dann ist es die grenzenlose Bewunderung für die Struktur der Welt, soweit unsere Wissenschaft sie enthüllen kann.” [3]
[1] Michele Zackheim: “Einstein’s Daughter: The Search for Lieserl”
[2] Milan Popovíc: “In Albert’s Shadow: The Life and Letters of Mileva Maríc, Einstein’s First Wife”
[3] Albert Einstein: Brief an einen Unbekannten, 1954
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Die Ausführungen sind zweifellos treffend und machen aufmerksam.
Es fehlt allerdings auch der Beweis für die Zweifel und diesen kann nur die graphologische Handschriftenbestimmung, sowie eine heute mögliche Papieralterfeststellung erbringen.
Daß jemand ein Leben lang an abhanden gekommene Kinder, oder andere Personen Briefe schreibt, die auch niemals abgeschickt werden, ist keinesfalls abwegig !